Hennah

HENNAH ZUM BEISPIEL

 

Du wärst am Berg mir nie begegent. Vielleicht im Garten Deiner Mutter, Johannisbeeren unter den Ohren. Und jetzt doch nur noch schlank, zurückhaltend, graziös im Morgentraum mit schwarzen Locken bleib ich sehend, suchend, Dich erinnernd.

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„Zwei Schnitzel“, ruft der große, stark gewachsene, von der Strenge des Alters gezeichnete Mann. Er zapft das Bier. Aus der Küche kommt nichts anders zurück als ein kurzes Töpfeklappern, leises Bruzzeln, Geschirrklingen. Als Hennah aus der Küche heraustrat, waren zwei Teller in ihren Händen. Wer, der nicht gewusst hätte, dass sie es sein musste, hätte sie wieder erkannt? Man sah sie breit, mit angeblondetem Krollen-Haar, Goldkettchen am linken Armgelenk und um den Nacken. Sie stellte die beiden Teller neben den Mann auf die Ausschanktheke und verschwand. Dem Geschehen im Gastzimmer und den hier Anwesenden schenkte sie keine Beachtung. Ich trank mein Bier, aß mein Schnitzel. Dem mich begleitenden Freund blieb ich jegliche Erkälrung darüber schuldig, was mich bewegt hatte, ihm dieses Landgasthaus zum Besuch anzuempfehlen.

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Doch fast ein ganzes Leben früher war mir Hennah in mehr als einem Bild ihrer Jugend entgegen getreten.Der körperliche Mensch, der sie war, blieb aber eine rätselhafte Erscheinung. Mein damaliger Jugendfreund beanspruchte sie als sein Mädchen, so hielt ich mich zurück. Aber als er mir schon nach kürzer Zeit vertraulich sagte, „es klappt nicht mit ihr“, und apodiktisch erklärte, , „sie ist zu spröde“, nahm ich sie zum ersten Mal in ihrer ganzen Schönheit wahr. Zur Sonnenwendfeier gab der Vikar in der Scheune des Pfarrhauses einen Tanzabend für die konfirmierte Jugend. Ich war gerade angekommen und hatte mich noch nicht so recht umgesehen, als Hennah auf mich zu kam. Sie steckte mir ihren Hausschlüssel in die Tasche und führte mich auf die Tanzfläsche. In der ersten Pause blieb sie noch kurze Zeit bei mir stehen. Ein Gespräch kam aber garnicht auf. Sie war dann schnell verschwunden. Ich frozzelte mich ein wenig mit den in einer Herde herumstehenden Kamaraden. Hennahs Schlüssel in der Tasche gab mir die notwendige Kraft in der Jungmännergruppe zu bestehen. Wann würde ich jemals eine Strategie erlernen, mit diesen geballt auftretenden Männern zu reden? Die Platte zum nächsten Tanz war schon zu hören, aber Hennah kam nicht. Wer kam, war Elvi, blond, glatt und das genaue Gegenstück zu Hennah. Sie redete viel, und ihr strohglattes Haar flog ihr um den Kopf. Wir sahen Hennah von weitem lächelnd. Elvi wollte nach wenigen gequälten Tänzen nach Hause, und ich sollte sie begleiten. Ach, den Schlüssel, ja, ich musste ihn zu Hennah zurückbringen. Mechanisch und ohne großes Zutun lief ich hinüber, gab ihr den Schlüssel. Ein Lächeln wieder und ein kurzer Blick, dann folgte ich Elvi. Sie war sehr lieb in der Nacht draußen, aber ich hatte kaum Lust, sie als meine Freundin zu verstehen. Und auch Hennah  sah ich jetzt kaum mehr. Was blieb, war das Bild von ihr mit den krolligen schwarzen Locken und die schlanke Biegsamkeit ihrer Körperfigur, die mir bei ihren Tänzen mit den Anderen aufgefallen war..

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Ich verlor den Kontakt zum Dorf und zu meinem alten Freund. Es war eine schwere Zeit im Stadtgymnasium und meine Leistungen waren nicht die besten. Ich suchte nach einer Freundin, Elvi war es nicht. Und Hennah? Konnte sie es sein? Es zog sich einige Zeit hin. In der Stadt wurde ich gefordert, sogar in der Tanzschule sollte ich zum Tanztee am Sonntag eine Partnerin mitbringen, obwohl ich dort noch keine gefunden hatte. Schließlich wagte ich es, Hennah zu fragen. „Kommst Du mit?“ „Ja, gerne“. Und ihr Lächeln war freundlich und bestätigend. Ich holte sie zu Hause ab. Ihre Mutter, die Tochter des bekannten Dorfdichters, öffnete die Tür, über der ein strahlender Rosenstrauch hing. Sie war mit klarem Gesicht und kraftigem Körper, dunkel-braunem Haar und weißer Bluse beeindruckend ruhig. Sie wünschte uns viel Spaß, ich hatte Auflagen erwartet. Nein, das war großzügig und nicht kleinlich! Wir gingen zum Bus und fuhren in die Stadt.

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Hennah sah wirklich großartig aus. , sie hatte einen glatten Pferdeschwanz, aber über der Stirn kreuselte sich noch das Haar. Sie trug einen dunkelblauen Wollmantel, lies ihn, sich in ihn hineinkuschelnd, offen, hatte weiße Turnschuhe an, die irgendwie keine waren, und doch den leichten Flair eines Engels in ihrem Gang hergaben. Aber Ihre hellblaue St. Tropez-Jeans faszinierte mich am meisten. Sonst blieb mir eigentlich nichts in Erinnerung, als dass wir duch die Platenenbäume streiften und in sehr gelöster Stimmung zu dieser Stadt-brühmten Tanzschule kamen. Dort standen sie aber schon wieder, wie zum Empfang, eine Herde von Kamaraden und tuschelten. Als Hennah ihren Mantel abgelegt hatte, bemerkte ich, wie sich unter ihnen eine allgemeine Bewunderung verbreitete. Hennah war angkommen wie ein Star, musste ich erkennen. Nur, am Tuscheln merkte ich auch, dass man sie mir nicht gönnte. „Wie kommt denn der zu dieser Frau?“ hörte ich Happy tuscheln, „so große schöne schwarze Augen und dieses Lächeln“. Jetzt kam auch noch Mane großspurig auf uns zu und beglückwünschte uns, „Aus dem gleichen Dorf? Eigentlich ja doch nicht!“ So oder so ähnlich fragte er, aber Hennah zog mich schon fort in den großen Tanzsaal, wo wir ganz nonchalent einen Boogie hinlegen konnten. Und dann waren noch etliche andere Tänze, und alles fügte sich gut. Man hatte uns auch da bemerkt. Ein außergewöhnliches Paar. Montags in der Klasse war die Nachricht schon verbreitet, als ich ankam. Mein Status schien eine Stufe höher gerutscht zu sein, so als hätte ich im Lotto gewonnen und brauchte die Versetzung nicht mehr zu befürchten. Meine neue Freundin Hennah war zu einem kapitalen Phantom geworden.

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Es ist wahr, sie war eine Schönheit! Hatte sich doch Mane kürzlich noch beim Stammtisch an sie erinnert. „Ist diese tolle Frau von damals in der Tanzschule eigentlich noch bei Dir?“ Das brachte er fertig, mich nach mehr als fünfzig Jahren zu fragen. „Mane“, sagte ich etwas verschämt, „das war nie meine Frau. Da gab es von Anfang an zu viele Hinternisse. Ich erinnere mich noch heute oft an sie. Ihr Bild, bleibt unvergessen. Aber meine Frau war sie nie, und nie, auch in den stärksten Träumen nicht, weiß ich, ob ich das bereuen soll.“ Dass ich mich eben noch vor einem unwissenden Zeugen für sie interessiert, ja, gezielt unerkannt und stillscheigend sie hinter der Bar ihres Landgasthauses beobachtet hatte, behielt ich dringlichsts für mich.   

 „Schlammbeißer aus X-Dorf!“ hatte mir der Minimal-Kunst-Lehrer von damals, der jede Farbfläche mit schwarzen Linien umranden musste,  vor versammelter Klasse zugerufen. Doch dann hatte er mir mit einer Zwei die Versetzung gerettet. „Kräftiger Strauch mit rosa roten Rosen im Vorgarten. Hm. Zu groß, zu rot, zuviel Sonne. Pink. Hm.“ – „Komm herein, ...“ hatte die Mutter von Hennah mir zur Begrüßung gesagt. Und Hennah? Es gab nichts, wofür man sich mit ihr hätte schämen müssen. Und sie hätte auch das Wort ihrer Mutter, ich bin mir sicher, über die Jahre schlau hingenommen.  

       


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