Musique

 MUSIQUE

 

Meingast war kürzlich zu Besuch bei Hannah D., sie wusste nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte in diesem, wie sie sagte, ‚unseren Land‘. Sie kam sich plötzlich nach ihrer Promotion vor wie in der Hölle eines Dauerzirkuses.

-Akademische Superperformanz gefragt, quasi ohne Aussicht auf eine Stelle. -Erhöhung des orientalisch religiösen Zwangs zu Hause und vermehrte Gleichschaltung unter Sanktionen. -In der großen Politik zunehmend das Machtspiel zwischen Beschimpfung, Hungersanktionen, Kriegsdrohungen und Gifttode, Kleidersymbolik, Selbst-Orientalisierung als Handlungs-bergenzende Faktoren im neuen – transnational aufgeblähten Ost-Westkonflikt, zählte sie auf.

Auf dem Weg zu ihr streifte Meingast durch den Park, sammelte ein paar Kastanien und sinnierte auf einer Bank. Er hantierte mit den Kastanien. Vielleicht würde eine Figur daraus, die er ihr einmal schenken könnte. Sie hatte ihm wirklich Sorgen gemacht, als sie ihn zum Tee einlud.

 Er hatte sich notwendigerweise auf ein hilfloses Zittern vorbereitet, weil er wusste, welch gefühvollen Charakters sie sein konnte. Aber als Hannah seine anspruchslosen Wiesenblumen sah, war sie fast glücklich und schien alles vergessen zu wollen. Sie bot ihm eine Tasse Borretsch-Tee aus ihrem orientalischen Heimatland an. Als Meingast freudig „ja“ sagte, zog sie den Tee-Beutel aus einem mit vielen fremden Schriftzeichen und Blumenfächern rund und bunt gestalteten Kästchen heraus.

-Das ist das letzte Stück von zu Hause, das mir noch aus der Sanktions-losen Zeit, als Reisen noch möglich war, geblieben ist, sagte sie.

Nachdem sie eingegossen hatte, holte sie ihr neues Handy hervor und spielte über einen französischen Sender wunderbare Beethovenstücke ab. Die Partien wurden mit ganzer Empathie von einer Frau angesagt. Meingast spürte die Anziehungskraft der Stimme. Eine im Tempo des Stakkato hastende Melodie, vernünftig den Wechsel zwischen Stocken und heftig fließenden Wellen vollziehend, das Ein- und Aushauchen hören lassend, spielte diese, sicher junge Frau ihren fremden Redeschwall über der Musik ab. Wie gebannt lauschte Meingast, während Hannah ihm schon die Tasse vorhielt. Noch immer tönten die schönen Worte, auch wenn sie manchmal fast wie ausgespuckte, und auf tief-männliche Klänge sinkend, Komponisten- und Partituren-Namen ansagte.  

-Großartig! Man hört ihr zu, sagte Hannah.

-Ja, ihre Stimme kommt, als habe sie ein natürliches Handikap in ein Mittel von großer Kunst verwandelt. Banales Pradox, fällt mir ein, oder Ladehemmungen zur Beschleunigung ihrer Rede.

Meingast schien dennoch ganz hingerissen; -Es lebe die Kunst!

Hannah stimmte zu; -France Musique.fr, sagte die Frau im Radio häufiger; Hannah wiederholte, -France Musique. Man braucht dazu keine Französisch-Kenntnisse. Aber ich lerne langsam. Was mich erstaunt ist, dass die Franzosen mehr deutsche Klassik spielen, in einem fort und häufiger, als auf einem deutschen Kultursender, Brahms, Beethoven, Mozart, Bach, jüngst auch Wagner und Bruch. Was mich begeistert, obwohl ich sie kaum verstehe, sind auch die Intonationen der männlichen Ansager, als wollten sie Vorspiele zur nachfolgenden Musik liefern.

Jetzt kam ein Dworschak und Hannah versuchte leise die Stelle, die an eine Ausfahrt in die Prairie erinnert, mitzusummen.   

Meingast war überrascht. -Woher aber kommt Dein Verlangen nach dieser Musik, fragte er.

Bei uns zu Hause gab es sonst nie Musik, weder zur Kinder- noch zur Jugendzeit. Nicht einmal alte Lieder unserer ach so musikalischen, doch so reichen Kultur.

-Keine Musik?, fragte Meingast. -Nein, nicht im Fernsehen, nicht im Radio, auch nicht auf der Straße?

-Nein, absulute Stille. Es fällt mir ein, ich erinnere mich, die Geschichte mit dem Singsang meiner Mutter. Sie begleitete uns, ihre beiden Töchter, damit beim lästigen Hausputz.

Es handelte sich um das Durchbrechen einer Zeit totaler Stille im staatlichen Fernsehen, wenn eine Blume gezeigt wurde, dann kam diese Partie und nachfolgend eine Männerstimme mit der Ankündigung des mageren Tagesprogramms. Später gab es auch dieses Musikstück nicht mehr. 

Unsere Mutter wollte meiner Schwester und mir vorspielen, wie man bei gleicher Intensität schneller Putzen kann. Sie wollte uns ein paar Töne aus einem alten Lied vorsingen, Stakkato mit viel Energie. Aber was herauskam, waren ein paar rythmisch aufgeladene, gehauchte Taa-Taa-Haa-Taa-Töne, nie lauter als die präjudizierte Zimmerlautstärke. Wir mußten auf die Nachbarn aufpassen.

Jetzt lachten Hannah und Meingast zusammen.

-Ja, hier in Deutschland kann man Musique hören, auch wenn sie ein wenig über die Zimmerlautstärke hinaus tönt und aus Frankreich kommt.

-Was für eine Welt, dachte Meingast. Auf dem Nachhauseweg verging ihm das Singen. Hannah hatte gesagt:

- So, waren unsere Mütter, sie wollten ihren Töchtern das Arbeiten mit Singen erleichtern, aber sie selbst hatten, und bis heute noch haben sie keine andere Musik mehr in den Knochen als dieses dürre Taa-Taa-Haa-Taa.

Dann hatte sie hinzugefügt:

-Danke, dass Du mich auf diesen Sender hingewiesen hast. Jetzt verstehst Du, weshalb ich dabei bleibe diese Musique aus Frankreich zu hören. Nebenbei, doch nicht zu vergessen, sie scheinen die deutschen Opern-Heroen zu lieben, auch wenn sie antifranzösische Heldenlieder singen. 

Meingast – als wirkte die pathetische Stimme der Beethoven-Ansagerin von France Musique in ihm nach – hatte noch ein großes offenes aber überflüssiges Wort loswerden wollen. Jetzt aber sagte er’s zu sich selbst:

-Es zieht sich alles Hin und Her vom Kleinsten bis zum Größten, vom Krieg bis zur Musik. Dieses isolierte Land, das sich einmal selbst neu erfinden wollte, hat sich den dümmsten schicksalhaften Kräften vom Mythos der Religion geopfert. Sie ersticken darin noch ihre eigene Musik.

Das aber würde er Hannah so nicht gesagt haben können.

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